Vision Zero in einer Kreislaufwirtschaft

Reduce – Reuse – Recycle, dabei können alle mithelfen. Alle heißt für mich, dass nicht nur Du in deinem Alltag gefragt bist und dein Konsumverhalten ändern sollst, sondern dass v.a. die Politik handelt!

Wir Grüne stellen in unserem Grundsatzprogramm den Anspruch an Politik, bessere Regeln zu schaffen, nicht den besseren Menschen. Sinnvolle Umweltpolitik begnügt sich nicht mit Appellen, sondern setzt klare Regeln und vollzieht diese.

Um Klimaneutralität zu erreichen, ist es unerlässlich, dass unsere gesamte Wirtschaft – mit Produktion und Konsum – „dekarbonisiert“ wird, d.h. sich vom Kohlenstoff und von CO2-Emissionen verabschiedet. Das gelingt nur mit einer Kreislaufwirtschaft, in der Produktion und Konsum in soweit wie möglich regionalen Kreisläufen stattfinden. So werden weniger Ressourcen verwendet und gleichzeitig entsteht weniger Müll.

Warum machen wir das nicht schon längst? In der technischen Entwicklung haben wir hier tatsächlich noch ein paar Schritte zu gehen, aber v.a. fehlt es an politischer Entschlossenheit. Wir brauchen politische Vorgaben für ressourcensparendes und kreislauftauftaugliches Produktdesign, also z.B. welche Materialien auf welche Weise verwendet werden dürfen. Solche Vorgaben brauchen wir für die Modeindustrie, für technische Geräte, … eigentlich in allen Bereichen und v.a. beim Bauen.

Über die Hälfte des weltweiten Abfallaufkommens sind Bau- und Abbruchabfälle (Statistisches Bundesamt, 2018), die Deponien für diesen Müll platzen aus allen Nähten. Außerdem ist die Baubranche für ca. 23 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich. Die Architects for Future fordern in ihrer Petition zur Bauwende, dass im Bau nur noch kreislaufgerechte Materialien verwendet werden, die richtig eingebaut wieder herausgelöst werden können, ohne kaputt zu gehen und somit wiederverwendet werden können. Wir müssen also nicht nur die Wahl des Materials ändern, sondern auch, wie wir die Materialen zusammenfügen (Stichwort Verbundstoffe), damit wir sie wiederverwenden können.

Ein weiterer wichtiger Schritt für die „Vision Zero“ – also eine Welt ohne Müll – ist eine Reparaturrevolution. Viel zu viele Produkte landen auf dem Müll, obwohl sie durch leichte Reparaturen noch sehr gut verwendet werden könnten. De Kringwinkel aus Belgien macht es vor, wie Second Hand wieder zum Mainstream werden kann und gleichzeitig wertvolle, inklusive Arbeitsplätze geschaffen werden können. So ein soziales und ökologisches System von Ankauf, Reparatur und Verkauf brauchen wir auch flächendeckend in Deutschland.

Viele moderne Geräte sind jedoch heute oft schwer zu reparieren. Wir Grüne fordern, dass Produkte so konstruiert werden, dass sie gut reparierbar sind und auch Ersatzteile leicht verfügbar und einbaubar sind. Z.B. sollten Handyakkus ganz leicht ausgetauscht werden können. Darüberhinaus wollen wir ein Pfand von 25 € auf Handys und Tablets einführen, damit alte Geräte verstärkt an Händler zurückgegeben werden, um sie zu reparieren oder zu recyceln.

Ein grundsätzliches Problem ist aber auch unserer Konsumgesellschaft an sich, die im Kapitalismus immer schneller immer mehr produziert, denn die Wirtschaft muss ja wachsen. In der Modeindustrie dauerte es früher (und damit meine ich nicht vor 100 Jahren, sondern eher vor 20-30) mindestens 2-3 Monate bis ein Produkt in den Handel kam, heute sind es nur wenige Wochen. Durch diese „Fast-Fashion“ werden bei der weltweiten Textilproduktion jährlich zwischen 1200 bis 1715 Millionen Tonnen CO2 produziert. Das ist mehr als alle internationalen Flüge und die Seeschifffahrt zusammen. Diese Kleidung landet dann vielerorts im Müll, gerade jetzt im Lockdown zeigt sich, was passiert, wenn nur einen Monat lang die Klamotten nicht verkauft werden können. Die Kleidung wurde nur für die Tonne produziert und damit sind umsonst giftige Chemikalien und Treibhausgase in die Umwelt gelangt. Zu allem Überfluss werden Arbeiter*innen bei der Herstellung miserabel bezahlt und leiden unter gesundheitsschädlichen, gefährlichen Arbeitsbedingungen. Alles unter der Prämisse, möglichst viel Gewinn zu erzielen.

Eigentlich dient jedoch die Wirtschaft den Menschen und dem Gemeinwohl, und nicht andersherum. Doch viele der strukturellen Anreize zum Produzieren, Handeln und Konsumieren stellen uns vor ökologische Probleme dramatischen Ausmaßes und befeuern sozial-ökonomische Verteilungskrisen. Das müssen wir ändern.

Wir Grüne wollen einen nachhaltigen Wohlstand im Sinne von Klimaneutralität, Freiheit, Sicherheit, gesunden Lebensgrundlagen und Gerechtigkeit, danach muss sich unser Wirtschaftssystem der Zukunft richten. Um unsere planetaren Grenzen einzuhalten (z.B. die Versorgung mit sauberem Trinkwasser, saubere Luft, Vorhandensein wertvoller Ressourcen, natürliche Gleichgewichte von Stickstoff und Kohlenstoff usw.) und mehr Lebensqualität für alle Menschen zu erreichen, müssen wir grundlegend anders wirtschaften. Unsere Wirtschaft muss sich am Gemeinwohl orientieren und dazu gehört, Konzepte wie Wirtschaftswachstum zu hinterfragen und nur als Mittel zum Zweck für mehr Chancengerechtigkeit, Effizienz, und Nachhaltigkeit – also als ein qualitatives Wachstum – zu betrachten.

Unternehmer*innen dürfen nicht gezwungen werden, sich zwischen einem wirtschaftlich erfolgreichen Weg oder einer sozialen und ökologischen Ausrichtung des Unternehmens zu entscheiden. Deshalb müssen wir wirtschaftlichen Erfolg neu definieren.

Eine vollständige Dekarbonisierung der Wirtschaft und Produktion funktioniert nicht, wenn wir weiterhin so viel für die Tonne produzieren.

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